Erfahrungen
Geschichten, Gedanken…
Erfahrungsbericht einer Mutter
Tja, wann fing es an....?
Bereits mit 15 Jahren zeigte unser ansonsten sehr umgänglicher und zugewandter Sohn große Probleme bezüglich schulischer Leistungen, Zuverlässigkeit und Verhalten.
Den Wandel schoben wir auf die Pubertät. Hilfe, welche wir beim Jugendamt in Anspruch nahmen, führte dazu, dass er sich wieder mehr zusammenriss und seine Aufgaben einigermaßen erfüllte. Leider erhielten wir keinen Hinweis auf einen eventuell bestehenden Cannabismissbrauch, vielmehr wurden die Schwierigkeiten nur in der schwierigen familiären Konstellation gesehen (Trennung im Alter von vier Jahren und - leider trotz großer Mühe von beiden - nicht sehr gelungene Übereinstimmung bezüglich der Erziehung, wodurch unser Kind leider in einem permanenten Loyalitätskonflikt stand). Unser Sohn ließ sich auf gemeinsame Gespräche ein und verbesserte sein Verhalten insoweit, dass er wieder einigermaßen seinen Aufgaben nachkam.
Vereinnahmt von meiner Arbeit, fiel es mir wie Schuppen von den Augen, wie mein Sohn sich mit 16,5 Jahren in einer Krisensituation outete, seine Cannabisabhängigkeit und damit verbundene Probleme gestand.
Es folgte eine Odyssee, angefangen beim sozialpsychiatrischen Dienst über Jugendamt (zur Bewilligung der Maßnahme) zum Therapieladen. Jedoch dachte K. überhaupt nicht an aufhören und ich fühlte mich immer leerer.
Hin und hergerissen in meinem Bemühen ihn von Therapie zu überzeugen und seinen Beteuerungen zu glauben, geriet ich selbst zunehmend in psychische Destabilität. Hilfe fand ich zum einen in einer Caritas-Beratungsstelle und in den Elternkreisabenden.
In der Elterngruppe wurde ich darin gestärkt, konsequentes Verhalten zu üben, was schließlich dazu führte, dass unser Sohn sich doch noch auf Therapie einließ. Inzwischen – nunmehr 19jährig – besucht er wieder eine Schule, welche er nächstes Jahr mit der Fachhochschulreife abschließen will.
Wenngleich es nunmehr so aussieht, als ob er seinen Weg gehen wird, nehme ich auch weiterhin an den Elternkreisen teil, welche mich wachsam halten. Dem Elternkreis bin ich sehr dankbar für die erfahrene Solidarität, das erfahrene Wissen um Drogen, vor allem für die mitfühlenden und Mut machenden Gespräche.
Verzweifeln gilt nicht!
Hilfe zur Selbsthilfe im Elternkreis Drogenabhängiger
Jugendlicher Berlin-Brandenburg (EKBB)
von Sandra Carbonell - Journalistin
Roland*
ist dreiundzwanzig, lebt bei Scarabäus und hilft dort in der Küche.
Er ist ein wirklich netter Kerl. Nachdenklich, sprachgewandt und mit guten
Manieren. Einen „Ex-Knasti“ hätte ich mir anders vorgestellt.
Die Liste seiner Straftaten ist lang. Seine Drogenkarriere länger.
Er lebt seit einiger Zeit hier in Schmerwitz und versucht, sein Leben in
den Griff zu bekommen: Im Urlaub in Amsterdam fing alles an. Er war gerade
dreizehn und ging einfach mal so in einen Coffeeshop und verlangte Cannabis.
Selbst verwundert, dass er welches bekam, probierte er.
Zurück in
Süddeutschland, wo er herkommt, war dann alles ganz einfach: „Man
erkennt sich. Ich kann das nicht erklären, es ist einfach so“.
Seine Eltern bemerkten lange Zeit nichts. Roland erzählt von immer
ausgefeilteren Lügen. Lügen, die er am Schluss selbst glaubte.
Er rutschte ab. Machte noch seinen Realschulabschluss und irgendwann war
er auf Heroin. Seine Eltern konnten nicht mehr. Sie warfen ihn raus und
hatten lange Zeit keinen Kontakt. Ihm war das egal. Er stahl, saß irgendwann
wegen Einbruchs sechs Monate Jugendstrafe ab.
Der Knast war voller Drogen.
Ihm war alles gleichgültig. Das Wohlgefühl, dass die Drogen irgendwann
mal in ihm ausgelöst hatten, war gänzlich verschwunden, erzählt
er fast emotionslos. Zwischenzeitlich schweift sein Blick aus dem Fenster
als suche er in der winterlichen Idylle irgendwo in den Weiten Brandenburgs,
nach einer Antwort. Er denkt lange nach und schließt unser Gespräch
mit der Erkenntnis: „Wenn die Sucht dein Leben beherrscht, denkst
du nicht an Zukunft. Deine Zukunft kreist nur um den Gedanken, irgendwo
her wieder Knete für die Droge zu bekommen, das ist Zukunft für
dich, wenn du drinsteckst“.
Er liebt seine Eltern und ist ihnen dankbar.
Beim rausgehen sagt er: „sie haben das einzig richtige getan!“ Der
Kontakt war lange abgebrochen. Jetzt, bei seinem neuen Versuch ins „richtige“ Leben
stehen sie ihm bei.
Vico* ist der zweite Interviewpartner, dessen Geschichte ich heute erfahre.
Er erzählt, dass er bereits mit zwölf begann, Drogen zu nehmen.
Auch er kommt aus sogenannten guten Verhältnissen und hat alles, um
gemocht und anerkannt zu werden. Seine Drogenkarriere begann ebenso unspektakulär
wie Rolands. Alle Freunde haben es ausprobiert. Zuerst dies und das. Seine
Mutter hat früh davon Wind bekommen. Er hat es auch gar nicht erst
geleugnet. Sie hat ihn zur Drogenberatung geschickt, versucht, mit ihm
zu sprechen, an ihn heranzukommen. Es hatte alles keinen Sinn. Er hatte
seinen eigenen Kopf und kam plötzlich auch nicht mehr raus aus der
Sucht. Da merkte er selbst: „ich bin süchtig“, weil alles
seinen Spaß verloren hatte. Da war es bereits zu spät.
Vor
vier Jahren begann er eine Therapie und war erfolgreich. Heiratete. Vico
schaffte es dreieinhalb Jahre, clean zu bleiben. Warum er wieder zugegriffen
hat, ist ihm selbst ein Rätsel. Er hat sich dafür gehasst. Und
als er über dieses unendlich schlechte Gewissen sich selbst und den
anderen gegenüber erzählt, merkt man ihm die Fassungslosigkeit
an. Vico ist ein starker Charakter. Er sagt, er ist oft traurig,
glücklich, nachdenklich und verzweifelt zugleich. Traurig, wo es ihn
mit den Möglichkeiten, die er hatte, hinverschlagen hat. Glücklich
darüber, mit der Therapie ein Leuchten am Ende des Tunnels wahrzunehmen
und nachdenklich, ob es ihm gelingt: „Heute weiß ich, dass
der Kampf zwischen mir und meiner Sucht ein lebenslanger ist“. Alle
hoffen, dass er ihn gewinnt. Mit seinen Zweifeln ist er auf einem guten
Weg.
Lotte* ist sechzehn. Ich lerne sie nach Weihnachten bei ihrer Familie
kennen: hübsch, fröhlich, wohlerzogen. Einfach reizend. So,
wie man sich eine Tochter nur wünschen kann. Der Weihnachtsbaum steht
da, liebevoll geschmückt. Es gibt Selbstgebackenes. Liebevolle Details
in der Wohnung, liebevoller Umgang mit mir als Gast und zwischen den Familienmitgliedern.
Als Lotte hereinkommt, unterbrechen wir unser Gespräch. Sie hat ein
Problem. Die braune oder die schwarze Strumpfhose? Chic sein möchte
sie, sucht auch in Modefragen den Rat ihrer Mutter. Strumpfhosenprobleme
einer Sechzehnjährigen. Der ganz normale Wahnsinn in der Pubertät
eben. Sie wird zum Genuss, wenn das Leben schon davor vorbei schien. Lotte
ist süchtig. Mit 13 begann ihre Drogenkarriere. Ihre Droge: Cannabis.
Ich stutze. Für mich war Gras bis dato etwas, dass nicht süchtig
macht.
Als ich später Freunden davon berichte, stutzen auch sie. Viele
von ihnen rauchen hin und wieder „mal eine“. „Alles Quatsch!“ trauen
sie sich nicht zu sagen, weil sie merken, dass mir der Spaß abhanden
gekommen ist.
Lotte wurde schwerstabhängig, hat ihre Eltern beklaut, gelogen, betrogen
und jeden Sinn für Schuld und Verantwortung verloren. Dann hat sie
im Joom ihre Zimmereinrichtung zerpflückt, ist abgehauen und blieb
vier Wochen verschwunden. Jetzt lebt sie seit drei Jahren im Haus an der
Polz. Noch ein halbes Jahr bleibt ihr in der Therapieeinrichtung. Sie hat
Glück gehabt. Ihre Familie ist den schmalen Grat zwischen Liebe und
Härte mitgegangen und würde es immer wieder tun. Zum Abschied
gibt’s eine selbstgemachte Marmelade für mich.
Sitzung in der ModeratorInnengruppe des Elternkreises Berlin-Brandenburg:
Hier treffe ich auch Lottes Mutter wieder. Auch sie leitet inzwischen selbst
eine Gruppe. Ich hatte nie zuvor mit Drogen zu tun, versuche zu verstehen:
Die Ängste, die Verzweiflung, die Hoffnung. In den Elternkreisen geht
es um den eigenen Part. Ich kann vieles, was erörtert wird, gar nicht
nachvollziehen. „Kalter Entzug“, „Methadonprogramm“, „Cannabis“, „Bong“.
Ich bleibe immer ein bisschen draußen. Ich habe keine Drogenerfahrung.
Gott sei Dank, mir fehlt der persönliche Bezug.
Was habe ich erwartet als ich vom Elternkreis drogenabhängiger Kinder
und Jugendlicher erfuhr? Unsichere Gestalten, die das Schicksal beweinen?
Harte Knochen, die zu jedem Problem sofort die Antwort kennen? Ich merke
schnell, dass ich auf Menschen getroffen bin, in deren Leben sich ein Problem
versucht hat, Raum zu schaffen: Die Drogensucht ihrer Kinder. Sie sind
straight, nicht hart. Sie wissen oft, was zu tun ist – aus eigener
Erfahrung. Sie haben Hilfe in der Selbsthilfe gefunden und ziehen Kraft
aus ihrer Arbeit.
Die meisten ihrer Söhne und Töchter sind „nüchtern“ und
viele längst erwachsen. Trotzdem sind sie beim Elternkreis geblieben,
die gemeinsamen Erfahrungen haben ihnen geholfen, das sagen alle. Sie haben
sich theoretisches und praktisches Wissen über die eigenen Erfahrungen
hinaus angeeignet. Experten- auch aus dem Umgang mit der eigenen
Geschichte und den eigenen Fehlern. Erfahrungswerte, Adressen, Gespräche.
Eltern können Rat suchen und finden Verständnis.
Eine Moderatorin erzählt, jemand in ihrer Gruppe hätte ängstlich
gefragt, ob man denn in so einer Situation überhaupt noch lachen dürfe.
Gelächter bricht aus. Keine Schadenfreude – Befreiung, denn
man merkt, dass sich das viele hier anfangs auch fragten.
Die Antwort, warum sie hier sitzen und wie sie zu den Elternkreisen gefunden haben, ist so individuell wie ihre Biographie. Worum es geht, klar: Eigenverantwortung! „Liebe zum Kind – selbstverständlich! Unterstützung zur Selbständigkeit immer. Aber unter der Prämisse: „Es ist dein Weg aus der Sucht – gehen musst du ihn. Und: es ist deine Sucht, in der wir alle stecken!“
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